Interview mit Landschaftsarchitektin Victoria Lintner von "Naturnahe Zaubergärten"

Updated: Apr 28, 2020

Hallo!


Heute melde ich mich ausnahmsweise mal auf deutsch (eine englische Version ist auch verfügbar) da ich ein Interview mit Landschaftsarchitektin Dipl.-Ing. Victoria Lintner und Innhaberin von "Naturnahe Zaubergärten" mit euch teilen möchte. Victoria hat die Planung für meine naturnahe Gartenumgestaltung gemacht und war so lieb mir am 20.03.2020 ein Skype Interview zum Thema Naturgärten zu geben. Hat dann doch etwas länger gedauert es für den Blog aufzubereiten... Viel Spaß bei unserem sehr interessantem Gespräch!



Alexandra: Hallo Victoria, kannst du uns ein bisschen etwas über dich erzählen? Wie bist du dazu gekommen naturnahe Gärten zu gestalten?


Victoria: Die Natur hat mich immer fasziniert, schon als Kind, und wir waren auch immer sehr viel draußen. Meine Mama hat das auch sehr gefördert und ich dachte, ich möchte auf jeden Fall einen Job in diese Richtung machen.

Nach der Matura habe ich mich erkundigt, was man in diese Richtung machen könnte. Bei der BEST (Beruf- und Studieninformationsmesse) wurde mir das Studium Biologie empfohlen. Das habe ich auch ein Jahr lang auf der Hauptuni (Universität Wien) studiert – war dann aber nicht ganz so das, was ich mir vorgestellt hatte. Es war auch sehr überlaufen, also es war wirklich arg! Da waren einfach viel zu viele Studierende. Und ich war dann wirklich unglücklich. Durch Zufall kam ich zum Tag der offenen Tür an der BOKU (Universität für Bodenkultur) und dort hat mir ein Student das Studium der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung vorgestellt. Das hat mir sehr gut gefallen und auch meine Mama hat gemeint, das wäre ja etwas, das dir gefallen könnte. Zusätzlich konnte man im Masterstudium weitere Schwerpunkte setzen. Und einer davon war Naturschutz. Damit war mir dann klar: „Okay, das ist es!“

Ich habe es nie bereut, den Wechsel und das Studium gemacht zu haben. Gegen Ende des Studiums habe ich mir überlegt, wie ich dann den Naturschutz weiter mit einem Job integrieren könnte. Mir kam die Idee, ein Naturnaher Garten ist am ähnlichsten zur Natur und in diese Richtung sollte dann der Job ausschauen.


Alexandra: Hast du dich dann gleich nach dem Studium selbständig gemacht oder warst du vorher noch woanders tätig?


Victoria: Im letzten Semester habe ich angefangen, nebenbei in einer Stauden-Gärtnerei zu arbeiten, da ich Praxiserfahrung sammeln wollte. Nach dem Studium bin ich noch ein ganzes Jahr geblieben. Davor habe ich mich erkundigt, wie es mit Selbständigkeit aussieht. Für den Gewerbeschein braucht man ein Jahr Praxis – also bin ich dann dort noch geblieben. Klassischerweise geht es in Gärten und daher auch in Gartenplanungsfirmen um Ästhetik. Aber der Naturgedanke hat mir immer sehr gefehlt. Und da war dann meine Überlegung, wie kann man das ändern oder anders machen? Letztlich führte der Weg einzig über die Selbstständigkeit – so kann man machen, was man selbst für richtig hält.


Alexandra: Und seit wann bist du jetzt schon selbständig?


Victoria: Seit 2017 bin ich selbständig.

Logo "Naturnahe Zaubergärten" © Viktoria Lintner


Alexandra: Wie ist denn derzeit die Nachfrage nach naturnahen Gärten? Hat man das Gefühl, dass es mehr wird, dass die Leute sich dafür mehr interessieren?


Victoria: Also ich muss schon gestehen, am Anfang war es schwierig, bekannter zu werden. Vor allem bei jüngeren Generationen, wenn sie eine Gartenplanung wollen, steht auch oft der Naturschutzgedanke im Vordergrund. Gerade letztes Jahr im Sommer hat es lustigerweise einen Schwenk bei den Kunden gegeben. Es waren dann auch ältere Generationen an Naturschutz interessiert. Ich glaube, es nimmt insgesamt schon ein bisschen zu. Zum Glück wird es auch durch die Medien mehr gepusht – jetzt gerade nicht, aber davor (vor Corona-Lockdown)(lacht). Gerade auch das Bienensterben, das ist mir im letzten Jahr sehr aufgefallen, war plötzlich wirklich im Mittelpunkt. Und da kann man ja relativ einfach mit schönen Stauden und Gehölzen viel tun. Insgesamt ist schon ein bisschen ein Umdenken vorhanden.


Alexandra: Ja natürlich. Leute, die schon den Weg zu jemandem suchen, der sich Naturschutz von Vornherein auf die Fahne schreibt, wollen dann hoffentlich auch einen naturnahen Garten. Aber es ist auch schön zu hören, dass du hier einen Trend merkst.

Wenn man durch die Landschaft schaut, in Österreich, oder auch in anderen Ländern, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie gleich alle Gärten ausschauen. Typische Thujen-Hecken und diese fürchterlich kurz gemähten Rasen. Und ich habe auch eine Zeit lang in der Schweiz gelebt und da sind überhaupt die Steingärten in Mode. Ich habe das Gefühl, dass sich hier eine Art Gegenbewegung bildet. Man hat einerseits diese Philosophie der klinisch reinen Gärten und jetzt zum Glück auch andererseits vermehrt wieder die Naturgärten.


Victoria: Leider will in Österreich der überwiegende Teil der Menschen noch den typischen englischen Rasen und Thujen-Hecken. Uns spielt jetzt das Klima etwas in die Hände – die Menschen merken, das funktioniert nicht mehr. Das ist vermutlich eine der wenigen positiven Seiten des Klimawandels. Der englische Rasen, Thujen, etc. – die sind mit der Trockenheit überfordert. Aber ja, es stimmt die meisten probieren es einmal auf diese Weise und erst, wenn es dann nicht funktioniert, überlegt man. Blöder Weise hat sich die Meinung eingebürgert, dass das ein pflegeleichter Garten ist! Dabei ist der überhaupt nicht pflegeleicht! Im Gegenteil – ein naturnah gestalteter Garten, wenn einmal die Beete zugewachsen sind, ist viel pflegeleichter! Aber das hat sich leider genau andersherum in der Gesellschaft verankert.


Alexandra: Ich habe auch persönlich den Eindruck, dass es vor allem um die Ordnung geht. Man hört immer wieder, wenn es um Naturgärten geht: "Ja, aber was denken da die Nachbarn? Das schaut alles ungepflegt aus!", "Wenn ich nicht alle zwei Wochen meinen Rasen mähe, da reden doch die Nachbarn!". Das ist oft ein Thema, wo ich mir denke, das kann es ja wohl alles nicht sein (lacht)!


Victoria: Ja leider, das ist schon sehr, sehr lange das Schönheitsideal in den Gärten. Man hat sehr locker gepflanzt und die nackte Erde belassen und man zupft ein bisschen das Unkraut. Aber die Erde bleibt offen, das ist ja schick. Dabei ist dies das Furchtbarste, was man der Erde antun kann! Aber das eben, wie du sagst: gerade älteren Generationen ist es extrem wichtig, was die Nachbarn reden. Ja, aber wie gesagt, es gibt auch andere und ein Umdenken. Mittlerweile finden sich auch ältere Generationen damit ab und machen, was ihnen gefällt.


Alexandra: Ich hoffe ja auch, dass wir, wenn wir einmal unseren Garten umgestaltet haben, auch Andere überzeugen können, dass das sehr schön aussieht und gar nicht ungepflegt. Und vielleicht können wir auch einmal einen Naturgarten im größeren Stil anlegen.


Victoria: Genau. Wenn man drauf achtet, wie man seinen Garten gestaltet und bei der Planung Zeit investiert, dann kann ein Naturgarten total schön sein. Es muss nicht sein, dass der dann ausschaut wie „Kraut und Rüben", überhaupt nicht! Das ist leider auch ein Irrglaube.

Natural flower bed at the botanic gardens of Gothenburg © Earth.Life.You

Alexandra: Ja, leider. Wie genau unterscheidet sich denn ein Naturgarten, von einem herkömmlichen Garten? Welche Aspekte werden da genau bedacht?


Victoria: Der typische Garten, der in Österreich oder in vielen Teilen Europas forciert wurde oder immer noch wird hat eine große, offene Rasenfläche, dann rundherum eine Hecke als Sichtschutz. Meistens als Monokultur angelegt und meistens Thujen oder Scheinzypressen. Hin und wieder gibt es irgendwo vielleicht ein kleines "Blüh-Beet", da werden aber dann hauptsächlich sowas wie Rosen oder Pfingstrosen verwendet. Das ist prinzipiell nicht schlecht, aber die Sorten, die meistens verwendet werden, sind besonders vielblütig, also mit vielen Blütenblättern; sie sind doppelgefüllt und haben so ökologisch gar keinen Wert. Es werden die Staubgefäße umgewandelt, damit man so viele Blütenblätter bekommt. Das heißt, dort gibt es keine Nahrung mehr für Bienen. Der Pollen ist weg und den braucht die Biene aber. Also selbst wenn du dann Blüten im Garten hast, ist diese Art wertlos für die Natur.

Und so schauen leider wirklich viele Gärten bei uns aus. Das heißt auch, es fehlt die biologische Vielfalt. Und das ist natürlich der große Vorteil von einem Naturgarten, oder naturnahem Garten. Dort hast du eine unglaublich hohe, biologische Vielfalt. Das heißt, es wird darauf geachtet, dass viele verschiedene Blühpflanzen vorkommen. Es sind einfach gefüllte Blüten, welche Insekten nutzen können. Es wird auch darauf geachtet, dass durch Sträucher ein Vogelspektrum angelockt wird. Zusätzlich ganz, ganz wichtig sind die vielen kleinen Bodenlebewesen, die meist nicht beachtet werden. Aber mit ihnen steht und fällt alles im Boden. Durch diese naturnahe Kreislaufwirtschaft, die dadurch entsteht, hat man auch meistens einen gesunden Boden. Ein Naturgarten bietet diese Kreislaufwirtschaft. Sie fehlt aber in den typischen, „normalen“ Gärten.


Alexandra: Interessant (lacht). Und damit entsteht ja erst die ganze Arbeit. Man muss diese fehlenden Abläufe irgendwie ausgleichen und das funktioniert eigentlich immer mehr schlecht als recht.


Victoria: Ganz genau! Ein gutes Beispiel ist z.B. der Maulwurf. Viele Gärtner betrachten ihn als den Todfeind, obwohl er eigentlich – und das möchte ich hier einmal wirklich betonen – ein Nützling ist! Ein Maulwurf frisst keine Wurzeln! Er frisst Regenwürmer und andere Schadinsekten im Boden, z.B. die Maulwurfsgrille, oder Engerlinge. In diesen ausgeräumten Gärten sind auf einer großen Fläche nur ganz wenig Regenwürmer. Deswegen muss der Maulwurf alles durchwühlen und macht natürlich überall seine Haufen. Wir haben in unserem Naturgarten seit vielen Jahren einen Maulwurf, der macht uns keine Probleme. Der bleibt unter den Beeten, dort holt er sich seine Regenwürmer und hin und wieder macht er einmal einen Haufen innerhalb des Beetes, wo man ihn nicht sieht. Und das ist nur ein Beispiel wie ein natürlicher Kreislauf in einem Naturgarten funktioniert.


Alexandra: Da habe ich gleich eine Frage zu Mäusen. Ich habe eine Maus im Garten. Sie stört mich nicht sonderlich, außer sie kommt in die Wohnung, wo sie zweimal war – das war dann eher weniger lustig (lacht). Aber haben sie auch eine Nutzfunktion im Garten?


Victoria: Mäuse sind die typischen Allesfresser. Die futtern alles Mögliche, auch Abgestorbenes, einfach weg. Wenn irgendwo einmal ein Insekt stirbt, oder wenn ein Beerenüberschuss besteht, futtern sie alles weg. Außerdem sind sie, so gemein das jetzt klingt, auch Nahrung für viele andere Lebewesen, die dann wiederum diesen ganzen Kreislauf zusammenhalten. Also Mäuse sind keine Schädlinge! Sie sind mehr oder weniger die Müllverwerter, wenn man das jetzt so bezeichnen möchte. Also sie sind gut im Garten (lacht).


Alexandra: Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Maus großartiges Interesse an meinem Gemüsebeet hat, und das ist kein Hochbeet.


Victoria: Ganz genau. Sollte sie das Gemüse fressen, ist es eher ein Ausweichen. Bevor es nichts gibt, wird sie es fressen. Aber wenn man z.B. ein bisschen Laub liegen lässt und es darunter viele Insekten gibt, oder sie findet Körner, dann nimmt sie das viel lieber als das Gemüse.

Little Mona searching for food © Earth.Life.You

Alexandra: Ja genau. Nächste Frage: Wie ist deine Herangehensweise an die Planung eines Naturgartens?


Victoria: Wichtig ist natürlich, was der der Kunde will. Gibt es irgendwelche Wünsche und Anliegen? Das Zweite sind die Standortbedingungen? Ist der Garten schattig oder sonnig? Wo ist er schattig, wo ist er sonnig? Wie schauen die Bodenverhältnisse aus? Ist er in der Nähe eines Flusses, dann ist es z.B. eher dort feuchter, oder ist es z.B. eben sehr steinig?

Danach wähle ich dann meine Pflanzen aus. Ich habe ein gewisses Sortiment an Pflanzen, von denen ich weiß, dass sie immer gut passen. Die habe ich bei mir probiert, oder habe ich im aus anderer Erfahrung, z.B. in der Staudengärtnerei, oder im Studium durch das Arboretum. Mir ist wichtig, dass die Pflanzen an den jeweiligen Standort passen, weil nur dann können sie wirklich zeigen, was sie können.

Insgesamt muss man schauen, dass alles zusammenpasst. Man muss alle Wünsche berücksichtigen und trotzdem die ökologische Wertigkeit des Gartens aufwerten. Eine Kombi, ja (lacht).


Alexandra: Und wenn du, wie in meinem kleinen Garten, dann weißt, welche Bedingungen vorherrschen, wie wählst du die Pflanzen im Speziellen dann aus?


Victoria: Ich schaue generell, dass ein Miniökosystem entsteht. Es gibt natürlich, wie z.B. beim Gemüse, die eine Art, die die andere Art unterstützt. So muss die beschriebene Kreislaufwirtschaft zusammenkommen. Das ist mir sehr wichtig. Außerdem ist mir wichtig das Bodenleben zu fördern. Den Boden vergisst man immer ganz gerne, aber wenn der nicht funktioniert, wachsen einfach die Pflanzen nicht. Genau deswegen pflanze ich z.B. auch die einzelnen Arten, vor allem die Stauden, in größeren Gruppen an, die unterstützen sich gegenseitig, und werden dann ein großer Organismus. Es können die Wurzeln miteinander verwachsen und es entsteht eine große, soziale Gemeinschaft. Den Boden schützt man, bis er zugewachsen ist, mit Rindenmulch, Das hält ihn auch schön feucht. Es fördert auch die Ausbreitung von Bodenpilzen, z.B. Mykorrhiza Pilze. Die werden auch gerne vergessen, aber sie gehen Symbiosen mit Pflanzenwurzeln ein und das ist wichtig. Der Pilz erreicht Nährstoffe und Wasser, welche die Pflanzenwurzeln nicht erschließen können, weil die Wurzeln zu dick sind. Im Gegenzug kriegt der Pilz von der Pflanze Nährstoffe, weil sie durch Photosynthese z.B. Zucker, als Glucose, produzieren, was der Pilz selbst nicht kann. Das ist eine schöne, klassische Symbiose. Und die Pilze haben aber auch die großartige Eigenschaft, dass sie sich nicht an eine Pflanzenart halten, sondern dann mit der daneben auch andocken. Das heißt, durch die Pilze vernetzen sich auch die Pflanzen. Das Netzwerk entsteht dadurch dass man standortgerechte Pflanzen nimmt.

Außerdem sollte man alte Stauden nicht im Herbst schneiden und den Schnitt wegräumen. Man schneidet im Frühjahr und lässt es liegen. So entsteht eine Humusschicht und dadurch ein richtiges kleines Ökosystem im Garten, wo die Kreislaufwirtschaft funktioniert.


Alexandra: Das kling ja echt spannend. Da bin ich schon sehr gespannt, wie das bei mir funktionieren wird!

Welche Ratschläge hast du für Leute, die sich den Garten selbst ökologisch gestalten möchten, aber wenig bis keine Vorerfahrung haben? Ich habe dieses Experiment die letzten 2 Jahre versucht. Ich hatte zwar das Interesse, aber meine Eltern hatten nie einen eigenen Garten und so habe ich das als Kind natürlich auch nicht gelernt. Ich habe meinen Garten nach „Trial-and-Error“ gestaltet und das war jetzt nicht sonderlich erfolgreich (lacht). Was hätte man da besser machen können?


Victoria: Man braucht wirklich viele Jahre, um Vorkenntnisse zu kriegen. Der Garten ist ein Bereich, den ich nicht eben einmal aus Pflanzen zusammenwürfle. Man muss den Boden, das Klima, die Tierwelt, die Pflanzen und die Standortbedingungen beachten. Dann natürlich kommt noch die Ökologie der Tiere dazu.

Also es gibt viel zu beachten. Und ich würde jetzt ganz ehrlich sagen, bei der Planung ist es wirklich sinnvoll, sich Hilfe zu nehmen. Das selbst zu durchforsten ist sehr umfangreich. Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Büchern, an guten Tipps, an Gartenzeitschriften. Ich bin dann aber im Laufe der Jahre auch durch ausprobieren draufgekommen, dass da oft mehr auf die Ästhetik wertgelegt wird. Genau dort sieht man dann die Blühfarbenbeete. Das funktioniert oft in Realität nicht. Entweder passen die Standortbedingungen nicht, oder die Pflanzen würden nicht nebeneinander passen. Die einen sind trockenheitsverträglich, die anderen wollen z.B. einen feuchten Standort. Und die werden dann oft in Büchern zusammengepackt. Natürlich, der Laie hat keine Ahnung, wenn er so etwas in einem Magazin sieht. Das ist auch sehr gemein.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass Baumschulen oder Gärtnereien die Sorte auf den Pflanzenschildern nicht immer 100% richtig beschriften. Das als Laie sehr schwierig, sich da durchzuschauen. Man darf auch nicht vergessen, wir reden hier von Lebewesen. Das heißt, "probieren wir einmal aus" ist immer schwierig. Man setz einmal ganz viele Lebewesen und schaut einmal, was hält sich und der Rest stirbt. Das liegt auch daran, dass Pflanzen in unserer Gesellschaft leider einen nicht sehr hohen Stellenwert haben. Meine Empfehlung wäre, bei der Planung eines Gartens jemanden, der sich damit auskennt und bei der Planung hilft, dazu zunehmen.

Dafür kann man die Umsetzung selber machen! Da kann man nicht mehr viel falsch machen. Man kann dann mit seinem Garten mitwachsen! Das ist total interessant zu sehen, wie alles wächst und gedeiht. Das ist dann ein Erfolgserlebnis!

Wenn man aber wirklich gar niemanden hinzuziehen möchte, ist es schwierig. Abgesehen davon, dass man gewissenhaft und viel lesen muss, sollte man bei den Pflanzen noch einmal nachrecherchieren, ob diese wirklich an den Standort passen.


Alexandra: Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen und so ging es mir im Endeffekt auch. Etwas, das mich als Gartenneuling sehr überrascht hat, ist, wie teuer ein Garten ist. Speziell wenn man ständig neue Sachen pflanzen muss. Das war ein ausschlaggebender Punkt, warum ich mir dachte, ich investiere jetzt einmal mehr und sinnvoll in eine Gartenplanung und dafür muss ich dann hoffentlich nicht mehr ständig Pflanzen ersetzen. Wie lange halten denn die Pflanzen in etwa, die du für meinen Garten vorgesehen hast?


Victoria: Ja, auf jeden Fall! Deswegen nehme ich auch gerne primär Gehölze und Stauden. Stauden sind mehrjährige Blütenpflanzen, die nicht verholzt sind, und die Gehölze sind alles was verholzt. Das sind Bäume, Sträucher und viele Kletterpflanzen. Die sind auf jeden Fall mehrjährig.

Es kann leider immer mal wieder passieren, dass in einem Garten eine Art nicht gedeiht, obwohl eigentlich die Bedingungen passen würden. Es liegt oft am Mikroklima, das man so einfach gar nicht erkennen kann. Das ist zu berücksichtigen, wenn man mit Lebewesen plant. Aber prinzipiell sind sie darauf ausgelegt, dass sie jedes Jahr wiederkommen. Wenn man die Stauden dann auch nicht im Herbst abschneidet, sondern über den Winter stehen lässt, sind die Blätter zum einen ein Winterschutz, in dem sich z.B. Marienkäfer und ganz viele andere Nützlinge verkriechen und dort überwintern können. Zum anderen können die Pflanzen auch ein bisschen aussamen. Das heißt jetzt nicht, dass sie wie wild herumstreuen. Viele Pflanzensamen fallen oft nur direkt, oder in der Nähe herunter, und damit verjüngt sich das Beet wieder. Das heißt, wenn irgendwann einmal die Älteren anfangen zu schwächeln, wird der Boden dort freier und dann können die Samen dort wieder keimen. Es ist ein Kreislauf, der wirklich viele Jahre halten sollte.

Nach 20 bis 30 Jahren kann einmal irgendwo eine Pflanzenart, vor allem die Stauden, lichter werden und ich muss wieder neue Pflanzen dazwischensetzen. Die Gehölze allerdings sollten uns alle überleben. Außer es trifft sie von irgendeinem Wetterextrem der Schlag. Natürlich ist vorausgesetzt, man kümmert sich um sie – extreme Trockenheit, etc. muss natürlich auch in einem Nuturgarten kompensiert werden. Aber ansonsten sollten die Sträucher, die wir geplant haben, ein ganzes Leben lang halten.


Alexandra: Das hört sich sehr schön an!

Ich führe sehr häufig eine Diskussion mit anderen Gartenbesitzern bezüglich der Auswirkung auf die Umwelt durch ihre kleine Fläche: "Was macht denn meine kleine Fläche schon aus? Gärten sind ja nur so klein, da ist doch völlig egal, was ich da mache, es gibt ja eh so viel Natur rundherum!" Was ist da deine Antwort zu so einer Aussage?


Victoria: Also prinzipiell ist es so, dass die Leute auf der einen Seite immer sagen: "Ich als Einzelner kann ja nichts tun! Was soll ich da bewirken können?", und das, was sie wirklich tun können, tun sie nicht. Wenn jeder seinen Garten auf naturnah gestalten würde, wäre das eine Fläche, auf der die Natur Potenzial hätte, sich teilweise zu erholen.

Aussagen wie „es gibt rundherum genug Natur“ muss man auch betrachten. Wir haben sehr viele Waldflächen, das ist richtig, zumindest für Österreich. Aber wir haben auch sehr viele landwirtschaftliche Flächen, was prinzipiell nicht schlecht ist, aber die Landwirtschaft, die bei uns betrieben wird, ist nur leider zu einem geringeren Prozentsatz eine ökologische. Das heißt z.B. wird auf den Feldern gegen „Unkraut“ gespritzt. Es werden indirekt auch die sogenannten Feldfluren, also die Wege zum Feld, erwischt und von diesem sogenanntem „Unkraut“, was eigentlich Ackerwildkräuter und damit Futter für Bienen und Vögel sind, befreit. Das heißt, die Artenvielfalt ist dort sehr, zurückgegangen in den letzten Jahrzehnten. Das merkt man auch.

Bei manchen Vogelarten, wie z.B. dem Feldsperling, also den Spatzen, gab es wirklich totale Einbrüche in den Populationen. Sie sind zwar noch nicht gefährdet, aber man hat gemerkt, dass die Populationen immer kleiner werden. Wir haben das bei uns auch gesehen. Ich habe dann irgendwann begonnen, Spatzen bei uns zu fördern, indem wir angefangen haben, den Garten ökologisch zu gestalten und Ganzjahresfütterung anbieten, da es oft nicht mehr genug Futter in der Natur gibt. Das ist gerade in Aufzugszeit der Jungen problematisch geworden. Dadurch, dass ich regelmäßig gefüttert habe, dass ich ihnen auch Staudenbeete gegeben habe, wo sie sich Insekten holen können für das Babyfutter und wir ihnen auch eine Wasserstelle zur Verfügung stellen haben wir mittlerweile 20 bis 30 Spatzen hier. Jetzt wandern sie wieder mehr auf die Felder aus! Also man kann als Einzelner sehr wohl etwas tun!

Dasselbe gilt auch für Bienen. Seit wir so eine unglaubliche Vielfalt an Stauden haben, haben wir ganz viele verschiedene Bienenarten. Und das von ganz zeitigem Frühjahr bis in den Herbst.

Ich habe letztes Jahr eine Kundin gehabt, die unbedingt Bienen fördern wollte. Wir haben ihr Beet im Frühjahr geplant und sie hat es gleich umgesetzt. Obwohl die Pflanzen noch relativ klein und jung waren, habe ich sie im Herbst noch einmal getroffen und sie hat gesagt: "Das war ein Wahnsinn, wir haben heuer auf einmal Bienen gehabt und Arten, die haben wir noch nie gesehen!" Und das bei frisch gepflanzten, kleinen Beeten! Man kann also auch durch kleine Gärten lokale Populationen fördern und schauen, dass sie sich auch auf lange Zeit etablieren können. Da finde ich es schon wert, dass man jeden Garten nutzt (lacht).

Bee aproching! © Earth.Life.You

Alexandra: Ja, das ist auch meine Motivation für die Gartenumgestaltung. Auch trotz der ganzen Corona-Situation wollte ich mit dem Umbau beginnen, da man bei dem warmen Wetter schon merkt wie eifrig Bienen und Hummeln nach Nahrung suchen. Und ich wohne in Wien im 21. Bezirk! Und es ist ja leider traurig, dass sie oft in der Stadt mehr Futter finden, weil es mehr Blühpflanzen gibt als am Land! Das ist irgendwie absurd!


Victoria: Ja, deswegen sagt man ja schon, dass teilweise der Stadthonig gesünder ist als der Landhonig. Es gibt Insektizide, die systematisch auf die Pflanze wirken. Das heißt, das Spritzmittel geht in die Pflanze und wenn dann die Biene von dem Nektar trinkt, nimmt sie das Gift auf, obwohl es eigentlich nicht für die Biene gedacht war. Das sind sogenannte Neonikotinoide. Die sind jetzt Gott sei Dank verboten worden. Aber solche Mittel gibt es natürlich in vielen Ausmaßen. Deswegen ist es oft so, dass die Bienen teilweise am Land kränker sind als in der Stadt. Da gibt es dann kleine Gärten, Schrebergärten, oder Balkone, in denen die Leute viele Arten von Blühpflanzen setzten, die sie nicht spritzen.

Bei naturnahen Gärten verzichtet man natürlich auch auf Spritzmittel. Sollte man aber wirklich einmal ein Problem mit z.B. Blattläusen haben, gibt es zur Not auch biologische Spritzmittel.


Alexandra: Ja wegen Blattläusen bin ich auch schon sehr gespannt, wenn unser Naturgarten fertig gestaltet ist. Im Moment haben wir, wie fast jedes Frühjahr bei unserem kleinen Ahorn im Eck wieder viele Blattläuse, aber der hat zum Glück immer recht wenig Probleme damit. Ich möchte nur so viel spritzen, wie es unbedingt notwendig ist. Wenn überhaupt spritzen wir mit biologischen Mitteln. So hochgezüchtete Pflanzen, wie die Rosen, die wir noch von den Vorbesitzern haben, haben wesentlich größere Probleme. Ich bin gespannt, ob sich das jetzt vielleicht, wenn man mehr Nützlinge in den Garten locken kann, positiv verändert. Das möchte ich gerne beobachten. Das Kohlmeisenpaar, das unseren Garten oft besucht sitzt z.B. recht häufig im Ahorn und frisst offensichtlich auch die Läuse.


Victoria: Ich wollte gerade sagen, neben den Spatzen ist auch die Kohlmeisen Population sehr angestiegen. Die Meisen sind Insektenfresser und die Spatzen sind eher Körnerfresser. Die Meisen holen sie sich die Läuse, wenn sie die Chance haben. Unser Holler und der Gemeine Schneeball bekommen jedes Jahr Läuse. Die Läuse sind nur auf diese Arten spezialisiert, also gehen sie auf keine anderen Arten. Im Frühjahr kommen letztlich die Marienkäfer und die Meisen und dann sind sie weg. Auch da sieht man den funktionierenden Kreislauf.

Great Tit looking for some aphids © Earth.Life.You

Alexandra: Das ist schon sehr faszinierend und ich hoffe ich kann das bei mir auch beobachten!

Du gibst zu deiner Planmappe auch immer Pflegetipps dazu. Dort habe ich gelesen, Insektenhotels mit verschiedenen Arten von Löchern und Nischen werden gar nicht so gut angenommen. Ich habe ein typisches Modell aus dem Baumarkt und bin mir auch nicht sicher, ob da überhaupt was drinnen lebt. Sollte ich das lieber gegen ein Modell austauschen, welches nur auf eine Insektenart spezialisiert ist, z.B. Wildbienen?


Victoria: Ja, das wäre sinnvoll. Im Laufe der Zeit habe ich herausgefunden, dass viele Insektenhotels nicht ideal sind. Z.B. wäre der Rote Teil für Ohrschlüpfer. Die Schlitze müssten aber mindestens 30cm lang sein, damit sie überhaupt einmal merken, das könnte interessant sein! Selbst dann – wenn man einen Blatthaufen im Garten hat, nehmen sie den lieber als diese Boxen.

Dasselbe gilt für Schmetterlinge, welche in die Schmetterlingskästen nicht wirklich gehen. Die suchen sich lieber Laub- oder Asthaufen oder andere natürliche Strukturen. Da bietet der Garten im Normalfall mehr.

Dann gibt es noch die Bockerl: die haben definitiv keinen ökologischen Wert, außer man möchte irgendwelche Spinnen fördern.

Was aber gut von Bienen angenommen wird sind Bambusröhrchen, oder auch Löcher in einem Holz. Dabei muss man aber darauf achten, dass keine Holzspäne wegstehen, sie würde sich sonst die Flügel zerfetzen. Wildbienen sind nicht wie unsere Honigbienen staatenbildend, sondern Solitärbienen. Das heißt, ein Weibchen kümmert sich um die Brut. Wenn dieses eine Weibchen stirbt, dann hat sie keine Nachkommen. Das heißt, sie wird nirgendwo nisten, wo sie Angst haben muss, dass ihr was passiert. Z.B. ist es sinnvoll, ca. 5cm davor ein Gitter zu montieren, weil z.B. Kohlmeisen auch gerne die Bienennester plündern. Eine Gang von Kohlmeisen hat mir heuer nämlich im Winter, die Bienennester aufgepeckt. Ich hätte narrisch werden können!

Für Wildbienen funktionieren Nisthilfen generell gut, wenn man es im zeitigen Frühjahr oder Winter aufstellt. Dann nehmen das z.B. die Mauerbienen an, das sind Frühjahrsbienen. Man muss auch wissen, Wildbienen sind nicht das ganze Jahr da. Die Weibchen sterben nach 3 bis 4 Wochen und dann entwickeln sich die Larven, welche im Frühjahr schlüpfen. Wildbienenarten sind also immer nur eine gewisse Zeit im Jahr aktiv. Über das Jahr verteilt gibt es viele verschiedene Arten. Wenn man dann z.B. im Frühsommer oder im Sommer noch einmal ein Hotel aufstellt, dann haben die Bienen Zeit, das andere Hotel zu besiedeln. Dann sind wir wieder dem Kreislauf.

My insecthotel © Earth.Life.You

Alexandra: Das werde ich mir zu Herzen nehmen und mein Hotel noch etwas adaptieren! Jetzt habe ich noch eine Frage zum Laub. Ich habe viel Laub im Garten, weil ich zum Glück viele Bäume im Innenhof habe. Soll man das Laub in den naturnahen Beeten einfach liegen lassen oder soll man es zu einem gewissen Zeitpunkt einmal wegräumen?


Victoria: Also es kommt drauf an, wie hoch die Schicht ist. Wenn in den Beeten eine Schicht von 20 cm ist, dann ist es zu viel. Über den Winter kann man es liegen lassen, das ist dann ein schöner Wärmepuffer und hält auch schön feucht. Aber im Frühjahr könnte ich es dann auf die Hälfte reduzieren. Wobei Laub ein gutes Kompostmaterial ist. Also wenn man z.B. ein Kompostplätzchen hat, kann man das Laub hier dazugeben.

Wenn die Schicht von Haus aus immer nur in der Größenordnung von 5 bis 10 cm ist, dann würde ich es einfach liegen lassen. Die Stauden wachsen da durch und haben eine gute Schutzschicht. Schnecken z.B. bohren sich nicht so gerne in dieses feuchte Laub. Sie haben es lieber, wenn der Boden nackt ist und sie können gleich einmal die rauswachsenden Pflanzen abfressen. Außerdem sammeln die Pflanzen unter dem Laub im Winter Kraft und wachsen dann sehr schnell durch sobald es wärmer wird. Das Laub bildet auch Humus und gibt Nährstoffe ab.


Alexandra: Ja dann vielen Dank für die vielen wertvollen Informationen und für die Zeit die du dir genommen hast!


Victoria: Ja bitte Gerne!


Ich hoffe, ihr seid jetzt genauso inspiriert und motiviert euren Garten naturnahe zu gestalten, wie ich nachdem ich dieses Interview mit Victoria geführt habe! Falls ihr mehr über "Naturnahe Zaubergärten" und Victoria erfahren möchtet, schaut doch mal auf ihrer Homepage vorbei! (Unbezahlte Werbung)

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